aktuelles Projekt

Johannes Brahms: Motette op. 74/1 "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen" (1877)

Konzerte:
Samstag, 21. Juli 2001 um 20:00 Uhr
Stadtpfarrkirche Gerolzhofen
Sonntag, 22. Juli 2001 um 20:00 Uhr
in der Neubaukirche Würzburg
Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen?

Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen,
und das Leben den betrübten Herzen,
die des Todes warten und kommt nicht,
und grüben ihn wohl aus dem Verborgenen,
die sich fast freuen und sind fröhlich,
daß sie das Grab bekommen,
und dem Manne, deß Weg verborgen ist,
und Gott vor ihm denselben bedecket?
(Hiob 3, 20-23)

Lasset uns unser Herz samt den Händen
aufheben zu Gott im Himmel.
(Klagelieder Jeremias 3, 41)

Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben.
Die Geduld Hiob habt ihr gehöret,
und das Ende des Herrn habt ihr gesehen;
denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer.
(Jakobus 5, 11)

Mit Fried und Freud ich fahr dahin,
in Gottes Willen,
Getrost ist mir mein Herz und Sinn,
sanft und stille.
Wie Gott mir verheißen hat:
der Tod ist mir Schlaf worden.
(Martin Luther)

Die Motette "Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen" entstand 1877. In ihr verwendet Brahms musikalisches Material der "Missa canonica", die er im Juni 1856 zu komponieren begann - zu einer Zeit in der er G. P. da Palestrinas "Missa Papae Marcelli" kopierte. Somit erklärt sich die kunstvolle kontrapunktische und kanonische Kompositionsweise dieser Motette: Der erste Teil beginnt mit einem chromatischen Thema im Sopran, das streng kanonisch durch alle Stimmen geführt wird, der zweite Satz ist ein sechsstimmiger Kanon. Johannes Brahms, der seit seiner Kindheit mit dem Alten und Neuen Testament vertraut war, wählte für die Motette, wie schon für "Ein deutsches Requiem", die Texte selbst aus. Das Eingangszitat benutzt Worte des fragenden, pessimistischen Hiob in seiner tiefsten Verzweiflung. Um den Text zu verstehen, ist es hilfreich, die originalen Bibelzitate heranzuziehen:

Im Land Uz lebte ein Mann mit Namen Hiob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen; er fürchtete Gott und mied das Böse. (Hiob 1, 1) Diesem Menschen widerfuhr Schreckliches: Sein Hab und Gut, seine Freunde, seine Familie und seine Gesundheit wurden ihm genommen. Hiob klagt über die Last des Lebens: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin ... . Warum schenkt er [Gott] dem Elenden Licht und Leben, denen, die verbittert sind? Sie warten auf den Tod, der nicht kommt, sie suchen ihn mehr als verborgene Schätze. Sie würden sich freuen über einen Hügel, fänden sie ein Grab, sie würden frohlocken. Wozu Licht für den Mann auf verborgenem Weg, den Gott von allen Seiten einschließt. (Hiob 3, 1-26)

Brahms komponierte die Motette in Gedanken an Hermann Göß, dessen jahrelanges Siechtum ihn an Hiob erinnerte und dessen frühen Tod er betrauerte. Für Brahms war Hermann Göß dieser arme Mann, "dessen Weg verborgen ist", weil Gott das nahe Ziel "vor ihm bedeckte". Das Werk kann daher als ein "Requiem im Kleinen" bezeichnet werden.
Der erste Teil der Motette mit der häufig wiederkehrenden philosophischen Grundfrage des Menschen und dem Flehen Hiobs "Warum lebe ich?" wird im zweiten Satz durch ein Zitat aus Jeremia beantwortet; die Antwort ist einfach - sie besteht nicht aus Argumenten, sondern einzig aus der Aufforderung sich ganz und vertrauensvoll Gott hinzugeben: Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende ... Erheben wir Herz und Hand zu Gott im Himmel. (Klagelieder Jeremias 3, 41)
In der Motette folgen darauf die Seligpreisungen des Dulders Hiob. Der Apostel Jakobus rühmt Hiobs Geduld, und erinnert zugleich daran, daß Gottes Wege voller Gnade sind: Brüder, im Leiden und in der Geduld nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben. Wer geduldig alles ertragen hat, den preisen wir glücklich. Ihr habt von der Ausdauer des Hiob gehört und das Ende gesehen, das der Herr herbeigeführt hat. Denn der Herr ist voll Erbarmen und Mitleid. (Jakobus 5, 10-11).
Hier schließlich fügt Brahms den Choral "Mit Fried und Freud ich fahr dahin" an. In diesem erduldet Simeon freudig den Tod, nachdem er Gott sehen durfte. Simeon bricht in Einklang mit Gottes Willen und Verheißung auf, sanft und friedlich, getröstet im Herzen und in der Seele. Der Tod, den Hiob in seiner Verzweiflung als Erlösung von Elend und Not gesucht hat, wandelt sich nun in Simeons bekannten Lobgesang: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. (Lukas 2, 29-32)
Nicht nur die Widmung der Motette an den bekannten Bachforscher Philipp Spitta schafft eine Verbindung zu J. S. Bach - auch der Choral am Ende des Stückes erinnert an die Kompositionspraxis dieses großen Meisters.