aktuelles Projekt

Josef Rheinberger: "Messe in C op. 169" (1893)

Konzerte:
Samstag, 24. Juni 2000 um 20:00 Uhr
in der Neubaukirche Würzburg
Sonntag, 25. Juni 2000 um 17:00 Uhr
in der Neubaukirche Würzburg

Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901) nimmt unter den prägenden Erscheinungen des Münchner Musiklebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen herausragenden Platz ein. Sein umfangreiches kompositorisches Oeuvre umfasst sämtliche musikalische Gattungen von der Oper über die Sinfonik bis zur Kammermusik und zum Lied. Einen besonderen Schaffensschwerpunkt bilden seine geistlichen und weltlichen Chorkompositionen sowie seine Orgelwerke, die sich zum Teil bis heute im Repertoire gehalten haben. Außerdem war Rheinberger ein weithin anerkannter Organist und Dirigent und genoß einen internationalen Ruf als der vielleicht namhafteste Kompositionslehrer seiner Zeit.
Obwohl Rheinberger ein beachtliches Repertoire an Musik für den Gottesdienst hinterlassen hat, ist die C-Dur-Messe op.169 für Solostimmen, gemischten Chor und Orchester sein einziger Beitrag zur Gattung der Orchestermesse.
Die Uraufführung des Werkes erfolgte am Ostersonntag 1893 im Dom zu St. Gallen unter der Leitung von J.G. Eduard Stehle. Die Ausführenden waren begeistert und schickten spontan ein Telegramm an den Komponisten: "Messe wundervoll - bringen Dankeszoll - und im Jubelton - Gratulation!" Einen Tag später, am Ostermontag brachte Rheinberger selbst sein Werk zur Münchner Erstaufführung in der Allerheiligen-Hofkirche.
Rheinbergers Ruf nach Erbarmen geschieht im Kyrie nicht in reuiger Zerknirschung, sondern in milder Zuversicht und Vertrauen auf Gott. Fließend sangbare Melodik, Chromatik, Alterationen, Verwendung von Orgelpunkten kennzeichnen nicht nur diesen Satz, sondern das gesamte kompositorische Schaffen Rheinbergers. Die Kyrie-Abschnitte sind weitgehend homophon und harmonisch reichhaltig ausgestattet, der Mittelteil mit dem "Christe eleison", in dem die Solisten das erste Mal auftreten, ist imitatorisch angelegt. Rheinberger behandelt die vier Solostimmen generell als Ensemble, wobei das Quartett gleichsam einen "registermäßigen" Klangwechsel zum Tutti bildet.
Dies bestätigt sich im Gloria, wo die kurze imitatorisch durchgeführte Stelle "Qui sedes ad dexteram Patris" den Solisten übertragen ist. Der besondere Reiz des Stückes geht vom Rhythmus aus, da der Dreiertakt häufig durch Einwürfe gerader Taktabschnitte aufgespalten wird. Den Höhepunkt des Glorias bildet die Schlussfuge "Cum Sancto Spiritu", in der Rheinberger seine kontrapunktischen Fähigkeiten unterstreicht, indem er das Fugenthema auch in horizontal gespiegelter Fassung verwendet. Vorbild für diese Gegenfuge könnte Rheinberger bei J.S. Bach gefunden haben.
Ähnlich wie im Gloria wird im Credo die formale Gliederung unter anderem durch die Wiederkehr des Anfangsthemas bewirkt, wobei diese Wiederkehr auch textlich interpretiert werden könnte "et iterum venturus est". So sind für Rheinbergers Musik musikalische "Figuren", die den Bild- oder Affektgehalt des Textes nachzeichnen, sehr typisch. Der "einzige Gott" ist durch eine der Gregorianik nachempfundene Einstimmigkeit symbolisiert. Wie schon im Kyrie das Erbarmen durch Seufzerfiguren dargestellt wird, so sind es hier beispielsweise die Worte "descendit" (absteigen) und "resurrexit" (auferstehen), die hörbargemacht sind; ebenso offensichtlich ist die Illustration des "cruzifixus" (gekreuzigt) durch ein Streichertremolo oder die Symbolisierung von "passus" (Weg) durch Chromatik. Eine ganz individuelle Lösung gelang dem Komponisten an der Textstelle "et incarnatus est" (ist Fleisch geworden):Die Schilderung der Geburt Jesu ist hier mit dem von Violinen zitierten Beginn der Marienantiphon "Salve Regina" unterlegt. Nach einem Beginn in Moll erreicht das Credo im Laufe des Satzes ein festliches C-Dur - ein hymnischer Abschluss, der an die Monumentalität Bruckners erinnert. Das Sanctus erklingt in Es-Dur mit einer Pizzicato-Begleitung, worauf sich das Benedictus und das Osanna im noch entfernteren As-Dur anschließen.
Mit einer mediantischen Rückkehr zur Ausgangstonart C-Dur wird das Agnus Dei, das man als Höhepunkt der gesamten Komposition betrachten könnte, chorisch eröffnet. Die Verdeutlichung des Anrufs "Agnus Dei" (o du Lamm Gottes), wie die Bitte um Erbarmen "miserere nobis" (erbarme dich unser), werden auf höchst kunstvolle Weise in musikalische Gestalt gebracht. In der Barockmusik würde man hier von einer Exklamatio, also einem Ausruf, einem Hilfeschrei um Erbarmen, sprechen. Der Schlussfuge "Dona nobis pacem" (gib uns Frieden) mit ihrem prägnanten quartenhaltigen Themenkopf liegt eine außergewöhnliche kompositorische Idee zugrunde, die ihresgleichen sucht: Die fließende Polyphonie bewegt sich in voller Länge über dem Bassorgelpunkt auf C. Der Schluss verklingt weich und träumerisch.
Leider existiert von der Messe in C op. 169 noch keine CD-Einspielung. Mit unserer Aufführung wollen wir daher auch dazu beitragen, die Erinnerung an einen der großen deutschen Komponisten der Romantik wiederzuerwecken.