aktuelles Projekt

Carl Orff: "Carmina Burana" (1937)

Konzert:
1998
in der Neubaukirche Würzburg


Carl Orff (1895-1982) wurde am 10. Juli 1895 in München geboren. Erste musikalische Eindrücke und Unterweisung erhielt er als Kind im Elternhaus. Nach dem Gymnasium studierte er bis 1914 in München, war 2 Jahre Kapellmeister an den Münchener Kammerspielen und 1918/ 19 an den Theatern in Mannheim und Darmstadt. Seine frühen Kompositionen waren von Debussy, Strauss und Pfitzner beeinflußt. 1921 ergänzte Orff seine Studien bei Heinrich Kaminski und gründete 1924 in München eine Schule für Gymnastik, Tanz und Musik. Mit dem Klavierbauer Karl Maendler entwickelte er das »Orffsche Instrumentarium« (verschiedene Arten von Schlagzeugen) zur Realisierung seines Schulwerks (bis 1980 in 17 Sprachen übersetzt), das "als elementare Musikübung" an den Schüler "Urkräfte und Urformen der Musik heranführen" will.

Außerdem leitete Orff den Münchener Bachverein. Die 1937 entstandenen Carmina Burana sah er zu Recht als den Beginn seines eigenständigen Kompositionsstils an; bis auf wenige Ausnahmen zog er die davor entstandenen Werke zurück. 1950 - 60 leitete Orff eine Meisterklasse für Komposition an der Münchener Musikhochschule. 1961 übernahm er die Leitung des "Orff Instituts" in Salzburg.
Hochgeehrt starb er 1982 in München.

Die verschiedenen Spielarten szenisch bestimmter Musik waren neben den musikerzieherischen Bestrebungen des Schulwerks als deren Grundlage der Mittelpunkt im Orffschen Schaffen. Seine Musik war und ist Gegenstand kontroverser Diskussionen: "Den Avantgardisten ist er zu konservativ, den Konservativen zu wild." (August Everding). Die Einheit von Sprache, Musik, szenischer Darstellung und ihrer Wirkung beschrieb Orff einmal folgendermaßen: "Die Magie der Sprache ist schon Musik, musikalisch empfindbar. Und sie ist stark, sehr stark. Die Sprache steht hinter den Dingen. Man muß sie noch nicht einmal verstehen, um diese ihre Magie aufnehmen zu können. In diesem Sinn und in ihrer allgemeinen Verbindlichkeit sind die toten Sprachen die lebendigsten, die es gibt, die kommunikativsten. Sie wirken in der ganzen Welt."

Michel Hofmann ( 1903 - 1968) arbeitete als Archivassessor am Münchner Hauptstaatsarchiv. Carl Orff lernte er durch seine Mitwirkung im Münchner Bachverein, der musikalisch von Karl Marx (1897 - 1985) betreut wurde, kennen. Letzterer hatte den Komponisten zur Zusammenarbeit eingeladen. Zwischen Hofmann und Orff entwickelte sich in der Entstehungszeit der Carmina Burana ein langer Briefwechsel, in dem der Archivar den Komponisten in Textfragen beriet.

Hintergrund zu »Carmina Burana«

"Anno Domini 1803: Das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" liegt in den letzten Zügen, die siegreiche französische Revolutionsarmee steht am deutschen Strom, die kriegsgeschädigten Erbfürsten des linken Rheinufers halten sich an den geistlichen Fürstentümern und Klöstern schadlos. Eine schwerfällige Reisekutsche holpert nach langer Fahrt von München durch das Voralpenland bis zum Fuß der Benediktenwand und an die Gestade des Kochelsees vor das Barockportal des alten Klosters Benediktbeuern: Christoph Freiherr von Aretin, churpfalzbairischer Hofbibliothekdirektor und Kommissar für die Bibliotheken der aufzuhebenden Klöster, bereist seine Opfer. Die Ausbeute in Benediktbeuern ist reich. Hunderte von Bänden voll fleißiger Mönchsschrift bestimmt der gewiegte Kenner zum späteren Transport in die Münchner Hofbibliothek und nur einen einzigen davon, eine Handschrift des ausgehenden 13. Jahrhundert.s mit nachmittelalterlichem Einband, klemmt er sich selber unter den Arm und vergnügt sich auf der langweiligen Dienstreise mit unterhaltsamer Lesung. Die ganze Sammelschrift, vor allem aber ihre freimütigen Satiren auf das mittelalterliche Kirchenwesen haben es ihm angetan und lassen in seinem »aufgeklärten« Herzen verwandte Saiten anklingen.

So gelangte die Handschrift, der die Texte zum vorliegenden Chorwerk entnommen sind, auf besonderem Weg in die jetzige Bayrische Staatsbibliothek nach München und erhielt dort zunächst den unfeierlichen Namen »Codex latinus 4660«. Auf den poetischen Namen "Carmina burana", d. h. "Lieder aus Benediktbeuren" taufte sie erst J. A Schmeller, als er sie im Jahre 1847 zum ersten Mal vollständig veröffentlichte und dem Streit der Gelehrten überantwortete. Das hatte freilich der namenlose mittelalterliche Sammler nicht vorausgesehen, als er den Freunden lateinischer weltlicher Dichtung und besonders den fahrenden Scholaren eine Fülle von Liedern ablauschte, sie in eine kunstvolle Ordnung bannte und die kecken Vögel durch eingestreute ernsthafte Zwischenverse zu zähmen versuchte. Mit offenbarer Freude an der verwirrenden Buntheit der Formen hatte er Gestaltungen aller Art in seinem Werk vereinigt:...

Inhaltlich lassen sich in der Handschrift vier große Abteilungen herausstellen: moralisch-satirische Gedichte über den Lauf der Welt, als zweite Gruppe Liebeslieder, als dritt solche vom Trinken, Spielen und Vagantenleben, denen sich an vierter Stelle zwei geistliche Spiele anschließen. Was darin zeitgebunden war, ist tot; was aber auch heute noch mit überraschender Frische und Kraft den Hörer und Leser anspricht, lebt aus einer unverwüstlichen Daseins- und Weltbejahung, die über alle Jahrhunderte hinweg eine Brücke schlägt zur Lebensstimmung unserer Gegenwart..."

(aus: "Carl Orff- Michel Hofmann: Briefe zur Entstehung der Carmina Burana" von F. Dangel-Hofmann)

Fortuna selbst, die Schicksalsgöttin - so meint Carl Orff - müsse es gewesen sein, die ihm im Frühjahr 1934 den Katalog eines Antiquariats in die Hände gespielt hatte. Dieser enthielt unter der Nummer 1025 das zunächst durchaus unscheinbare Angebot:

"CARMINA BURANA. Lateinische und deutsche Lieder und Gedichte. Eine Handschrift des 13. Jahrhunderts von Benediktbeuern, herausgegeben von Schmeller. Breslau 1904".

Die weit bekannte weltliche Kantate "Carmina Burana" hat ihre Benennung aus handschriftlichen Texten, die 1803 im Oberbayerischen Kloster Benediktbeuren gefunden wurden. Diese Gesänge waren das Werk von Dichtern und Sängern des 13. und 14. Jahrhunderts. Die sowohl auf "mittelalterlateinisch" als auch auf althochdeutsch oder altfranzösisch geschriebenen Verse, oft rauh, ungestüm, aber auch zärtlich, preisen Natur, Gesellschaft, Kirche und Staat, die Freuden und Leiden des vom unversöhnlichen Schicksal des Weltengangs geleiteten Menschen.

Orff hat das das Druckwerk für 10.- Reichsmark bestellt, mit den bekannten Folgen, und somit führen die allerersten zarten Spuren des berühmten Chorwerkes nach Würzburg, denn das Angebot kam von J. Frank's Antiquariat, das ein Helmut Tenner in der Schönbornstrasse betrieb.

Dass sich - trotz des altbairischen Fundortes Benediktbeuern - auch weiterhin Franken als wahrhaft "Buranische Landschaft" erwies, hat seinen Grund in der Bamberger Existenz von Orffs textlichem Berater: Michel Hofmann, einem jungen Archivrat.

Dieser hat zusammen mit Carl Orff die Texte zur Carmina Burana ausgewählt und zusammengestellt. Ein Briefwechsel zwischen Orff und Hofmann, der sich über vier Jahre erstreckt, dokumentiert die Entstehungsgeschichte des Werkes. Dass der durch Kriegseinwirkung verlorengeglaubte Briefwechsel dennoch wieder auftauchte ist einem glücklichen Zufall zu verdanken: Bei der Aufarbeitung des elterlichen Nachlasses stiess Frohmut Dangel-Hofmann, Tochter von Michel Hofmann auf die nahezu hundert Briefe und Karten. Frau Dangel-Hofmann ist heute an der Musikwissenschaftlichen Abteilung der Würzburger Universität tätig. Mit dieser weiteren Verbindung nach Würzburg schließt sich der Kreis um die Entstehung der "Carmina Burana".

Für das Konzert am 24. Juli 20.00 Uhr im grossen Saal der Musikhochschule Würzburg ist es dem Ökumenischen Hochschulchor Würzburg gelungen Frau Dangel-Hofmann zu einer kurzen Einführung in die "Carmina Burana" einzuladen. Anhand ausgewählter Briefe wird die Entstehungsgeschichte des Werkes nachgezeichnet. Dadurch eröffnen sich dem Zuhörer völlig neue Aspekte dieses doch sehr populären Werkes.