aktuelles Projekt

Georg Friedrich Händel: "Alexanderfest" (1736)

Konzert:
1995
in der Neubaukirche Würzburg


G. F. Händel (1685-1759) wurde am 23. 2. 1685 in Halle an der Saale geboren. Sein Vater, Georg Händel, sächsisch-weißenfelsischer und später kurbrandenburgischer "Leibchirurgus und Geheimer Kammerdiener", war gegen eine musikalische Laufbahn des Sohnes. Der Herzog von Sachsen-Weißenfels jedoch ermöglichte dem jungen Händel eine erste Orgelausbildung in Halle, wo dieser dann einige Jahre später zum Organisten der Dom- und Schloßkirche ernannt wurde. Ein Wechsel nach Hamburg brachte ihm näheren Kontakt mit dem Genre Oper und außerdem Verbindungen zu J. Mattheson, mit dem er eine Reise nach Lübeck unternahm, um D. Buxtehude zu hören.

Vermutlich Ende 1706 ging Händel nach Italien, wo ihm und seiner Musik die dortige Adelswelt einen glänzenden Empfang bereitete. Aus dieser Zeit entstammen zahlreiche (überwiegend weltliche) Kantaten, Oratorien sowie die heroisch-komische Oper Agrippina, die 1709 in der Opernmetropole Venedig aufgeführt wurde. Berühmt durch seine Auslandserfolge erlangte Händel 1710 die Stelle des Hofkapellmeisters in Hannover, wonach sich jedoch eine sofortige Reise nach London 1711 anschloß. Dort feierte man gerade im Queen's Theatre seine Oper Rinaldo, der weitere Opernkompositionen wie 11 pastorfido, Teseo und Silla folgten. Auch fällt in diese Zeit die Entstehung seiner Water Music zu Ehren des Königs Georg I.

1719 begann in Händels Leben eine neue Epoche mit der Gründung der Royal Academy of Music, eines Opernunternehmens, dem er als künstlerischer Leiter vorstand, und das mit den bekanntesten Gesangsvirtuosen Europas eine ständige italienische Oper in London eröffnete. Dort konnte er bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1728 zahlreiche seiner Opern erfolgreich aufführen. Für einige Zeit führte nun Händel das Covent Garden Theatre auf eigene Rechnung weiter und entging hierbei nur knapp dem finanziellen Ruin. Neben einigen neuen Opern entstanden damals auch die Oratorien Deborah und Athalia sowie die Ode Alexander's Feast or the Power of Musick.

Nachdem sich das Interesse an seinen Opern beim englischen Adel immer mehr verringerte, widmete sich Händel zunehmend dem Oratorium, dessen Stoff er überwiegend dem Alten Testament entnahm. (Messiah, Semele, Joseph, Belshazzar, Judas Maccabaeus )

Händel starb, seit Jahren erblindet, im Jahre 1759 und wurde in der Westminster Abbey beigesetzt.

Das Alexanderfest

Wahrscheinlich wurde Händel von seinem Freund Newburgh Hamilton auf Drydens Gedicht Das Alexanderfest aufmerksam gemacht. Seine Absicht war, "nicht diese günstige Gelegenheit verstreichen zu lassen, das Werk von dem großen Meister vertont zu sehen". Drydens Vorlage war bereits mehrfach vertont worden, so von dem Engländer Jeremiah Clarke (gestorben 1707) und Thomas Clayton (gestorben um 1730). Wie schon der Titel erkennen läßt, wurde das Gedicht für einen besonderen Anlaß geschrieben:

Der Namenstag der Hl. Cäcilia (der Schutzheiligen der Musik) wurde zwischen 1683 und 1703 jedes Jahr am 22. November in London mit einem Festspiel begangen. Meist wurde dabei eine neue Ode zu Ehren Cäciliens und ihrer Kunst vorgestellt, die eigens für diese Gelegenheit geschrieben und vertont wurde. Das Cäcilienfest war in England durch den Komponisten H. Purcell zu einer nationalen und zugleich religiösen Feier ausgestaltet worden. Mit der Ehrung der Heiligen war schon frühzeitig ein Lobpreis der Musik verbunden, deren Gewalt über die Menschen bei verschiedenen Anlässen gezeigt wurde.

So ist auch das Fest, das Alexander der Große anläßlich der Eroberung der Persepolis seinen Getreuen gab, nur ein solcher Anlaß, um die Macht der Musik darzustellen. Drydens Ode weicht jedoch stark von der traditionellen Formel ab, bei der die Musik im allgemeinen und die Vorzüge einzelner Musikinstrumente gepriesen werden. Stattdessen schildert dieser lebhaft ein Bankett, das Alexander der Große zur Feier seiner Eroberung Persiens veranstaltete, die vermutlich 333 v. Chr. stattgefunden hat. Durch die bloße Macht der Musik erregt Timotheus, der Alexander und seine Gefolgen mit Musik unterhält, sechs klar voneinander unterscheidbare Affekte: Freude, Erhabenheit, Stolz, Mitleid und Liebe.

Inhalt des Stückes

Akt 1:
Die Dichtung schildert eingangs ein Gelage Alexanders des Großen und seiner Genossen vor der Zerstörung der Persepolis auf dem Perserfeldzug. Der Eroberer ist in Begleitung sei­ner Geliebten Thais und wird von Timotheus mit Musik und Gesang unterhalten. Alle sind von tiefer Freude erfüllt und feiem das "selige Paar".

Zunächst erzählt Timotheus die Sage von Zeus' Liebe zu Olympia, aus der Alexander als "zweiter Herr der Welt" hervorgegangen sei, und der Chor feiert den Helden als Göttersohn. Die anschließende Arie schildert, wie der geschmeichelte Alexander sich gottähnlich vorkommt und meint, daß auf sein Gebot sogar das Weltall erbebe. Dann läßt der Sänger des Bacchus Lob erschallen und stimmt ein von Hörnern begleitetes Trinklied an. Doch als Timotheus beobachtet, wie Alexander immer weiter seinen Träumen von Sieg und Ruhm nachhängt, benutzt er die Gewalt seiner Muse, um den König an die Vergänglichkeit des Ruhms zu mahnen: er erinnert ihn an den Sturz und schmählichen Tod seines großen Gegners Darius, der von allen Freunden verlassen starb und bewegt Alexander zu Mitleid und Trauer. Vom Mitleid schwenkt Timotheus dann zu dem Affekt der Liebe, und trägt eine "zarte Liebesweise" vor.

Anschließend verweist Timotheus auf das Unheil des Krieges, das immer neuen Kampf und Zerstörung nach sich zieht und fordert Alexander auf, sich der Liebe zu freuen. Der erste Akt schließt mit der Schilderung der Wirkung, die Musik, Wein und Liebe auf Alexander ausüben. Zuletzt sinkt der "besiegte Sieger" an Thais Brust und schläft von "Wein und Liebe" überwältigt ein.

Akt 2:
Aus diesem Schlummer wird Alexander durch Timotheus mit dem "grellen Schlag des Donners", unterstützt von Trompeten und Pauken, aufgeweckt. Den aufgeschreckten Helden fordert der Sänger auf, Vergeltung zu üben dafür, daß die Leichen der gefallenen Krieger auf den Schlachtfeldern noch immer unbestattet liegen. Um das Grauen zu schildern, beschwört Timotheus die rächenden Furien und läßt den bleichen Geisterzug der Toten erscheinen. Dadurch fühlt sich Alexander dazu angehalten, jene Griechen zu rächen, die in früheren Kriegen gegen die Perser gefallen sind. Er will Persepolis, die persische Hauptstadt, in Brand setzen. Thais selbst führt diesen Zug an und erinnert daran, daß einst Hefena die Ursache für die Zerstörung Trojas war: gleich ihr führe nun sie die Krieger bei der Zerstörung der Persepolis an.

Hier endet die eigentliche Schilderung des Festes, die scheinbar wenig mit der Heiligen Cäcilia zu tun hat. Dryden stellt den Bezug zu Cäcilia her, indem er zu bedenken gibt, daß sie durch ihr Auftreten und ihre "Erfindung" der Orgel der Musik eine neue Dimension verliehen hat und "den feierlichen Tönen mit natürlichem Charme und einer Kunst, die niemand je gehört" mehr Ausdrucksmöglichkeit brachte. Dryden wollte damit wohl zeigen, daß die Musik in heidnischen Zeiten (also durch Timotheus) lediglich rohere Gefühle oder Affekte hervorrufen konnte, aber nur die "heilige" Kunst der christlichen Cäcilia edlere Taten oder seelisches Wohlergehen inspirieren könne.