aktuelles Projekt

Frank Martin: „In terra pax“

Konzert:
Samstag, 11. Juli 2009 um 20.00 Uhr
in der Neubaukirche Würzburg


Chor Flyer
Im Sommer 1944 bat René Dovaz - Direktor von Radio Genf - den schweizer Komponisten Frank Martin (1890-1974) um ein Chorwerk, das am Tage des Waffenstillstandes zum ersten Mal  in die Welt gesendet werden sollte. Der Monteverdichor Würzburg wird dieses Werk 2009 in Würzburg zur Aufführung bringen. Der  Universitätsbund Würzburg  fördert dieses besondere Konzert des Monteverdichors.

Frank Martin berichtet über die Anfrage:
»Nie wäre es mir in den Sinn gekommen, von mir aus in einem solchen Zeitpunkt einen Gegenstand von so brennender Bedeutung zu behandeln. Aber da man mich fragte, ja beauftragte, hatte ich es leicht, an die Ausführung zu gehen. Und mit welcher Freude! Denn ich befand mich fast in der Lage des alten Meisters, der für die Kirche arbeitete. Ich musste das Publikum nicht von der Notwendigkeit eines solchen Werkes überzeugen, ich trug dafür keine Verantwortung. Ich musste nur danach trachten, dem Hörer etwas zu bieten, was dem Tag angemessen war, dem Tag des Friedens mit seiner überbordenden Freude, seiner Angst und den schrecklichen Erinnerungen. Dauer und Besetzung waren mir vorgeschrieben und unterbanden langwieriges Zaudern. Solcherart schrieb ich von August bis Oktober 1944 In terra pax, zeitweise mit den alliierten Armeen um die Wette laufend. Sie ließen mir leider viel zu viel Zeit.«

Für Frank Martin stand fest, dass für einen solchen Anlass nur Bibelworte in Frage kämen. Binnen fünf Tagen stellte er Verse aus Jesaja, den Psalmen, den Evangelien und der Offenbarung des Johannes so zusammen, dass die religiöse Ursprungsbedeutung im Sinne der aktuellen Situation verstanden wurde.

Das Oratorium gliedert sich in vier Abschnitte. Zu Beginn wird die Kriegssituation anhand der vier apokalyptischen Reiter und mit dem Hinweis auf den »Tag des Zorns« dargestellt, und in gewisser Weise klingen in der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung dieses ersten, stark bläserbetonten Teiles Elemente des Überlebenden aus Warschau wieder an. Im zweiten Teil stehen der Ruf zur Umkehr (ohne die es wahren Frieden nicht geben kann), die menschliche Bitte um Erbarmen und die Verheißung des Friedens im Mittelpunkt. Dieser Teil endet mit dem Lob Gottes aus dem 100. Psalm, mit dem man das Werk auch beenden könnte. Dieser Schlusschor des zweiten Teiles beginnt mit Gedanken des Trostes und der Verheißung einer neuen Zeit und endet im Jubel aller Völker.

Faszinierend ist, wie Frank Martin die Musik des Jubels (einen Kanon) bereits in die Orchesterbegleitung des Beginns integriert: In der Verheißung liegt schon der Jubel begründet. Ein interessantes Detail am Rande ist, dass der Instrumentalist, der zu Beginn das lebensbedrohliche Tamtam schlägt, nun die Friedensglocke läutet.

Der entscheidende dritte Teil ist als »Herzstück« des Oratoriums ganz nach innen gekehrt. In einer großartigen Passacaglia nimmt Martin Gedanken des leidenden Gottesknechtes aus Jesaja 42, 52, 53 auf und lässt dann die Seligpreisungen mit dem Kreuzeswort »Vater, vergib ihnen« und das Vaterunser folgen. Dynamisch und instrumental konzentriert sich die Musik nach innen, bis in den Seligpreisungen und im Vaterunser Solist bzw. die einstimmig singenden Chöre nur noch vom Streichorchester bzw. einem Kammerorchester begleitet werden.

Im vierten und letzten Abschnitt schließlich werden ein neuer Himmel und eine neue Erde prophezeit. Diese Verheißung mündet in das »Heilig ist Gott der Herr« und endet im hoffnungsvollsten Piano. Höhepunkt dieses vierten Teiles ist ein Kinderchor, der das neue menschliche Sein vorstellt: Den Kindern (bei der Uraufführung waren es nur Mädchen, weil sie allein im Jahr 1945 den Status der moralischen Unschuld darstellen konnten) gehört das Reich Gottes und damit die Zukunft.

In terra pax ist als Auftragswerk einerseits natürlich einem bestimmten Zweck, ja sogar einem bestimmten Tag zugeordnet. Frank Martin hat es aber weltumspannender empfunden und nicht nur dem Ende dieses furchtbarsten aller Kriege gewidmet. Er schreibt darüber:

»Ich glaube nicht, dass ich [...] jemals irgendwelche Illusionen hatte über die Art des Friedens, der dem Ende des Krieges folgen würde. Aber dieser Mangel [...] konnte mich nicht an dem Versuch hindern, den Übergang von tiefster Verzweiflung zur Hoffnung auf eine leuchtendere Zukunft auszudrücken. Und das bedeutete dann, dass ich in den Worten Christi die absolute Forderung nach Vergebung [...] aussage, ohne die ein wirklicher Friede unfassbar ist. Aber diese Forderung ist so hoch, dass ihreVerwirklichung auf Erden ohne das Wunder einer vollständigen Umwandlung des menschlichen Denkens und Fühlens nicht vorstellbar ist. So kann für uns ein wahrer Friede nur eine Hoffnung [...] sein, eine Brücke, die in eine unsichere Zukunft geschlagen wird, eine Zukunft, die wir uns aber vorstellen müssen [...], wenn wir auch an ihre irdische und materielle Verwirklichung nicht glauben können. In terra pax ist, wenn man so will, ein Werk für eine bestimmte Gelegenheit. Ich selbst habe es nie als ein solches betrachtet: die Probleme, die Krieg und Frieden aufwerfen, sind ewig. Es gibt nicht nur militärische Kriege, und ist Friede nicht eine ständige Sehnsucht unserer Seelen?«

Video vom Konzertabend: